"Die Jugendlichen haben eine Meinung"

von Mark Spörrle

In gut vier Wochen wird auch in Hamburgs Wahllokalen der 19. Deutsche Bundestag gewählt. Unter den Wahlberechtigten befinden sich 60.452 Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren, die erstmals ihr Kreuzchen bei einer Bundestagswahl machen dürfen. Aber wer wählen darf, darf auch Wahlhelfer sein. Und was man wissen muss, um in einem Wahllokal mitzuarbeiten, das lernen Erstwähler in einem zweitägigen Seminar im Haus Rissen, Institut für internationale Politik und Wirtschaft. Projektleiter Christian Egbering hat uns erklärt, warum es so wichtig ist, junge Wähler auch als Wahlhelfer zu begeistern.

 

Elbvertiefung: Herr Egbering,was lernen angehende Erstwahlhelfer in Ihrem Seminar?

Christian Egbering: Wir bringen den Jugendlichen ganz praktisch bei, Verantwortung zu übernehmen. In Rollenspielen bauen sie selbst ein Wahllokal auf und führen einen Wahltag durch, inklusive Stimmenauszählen. Sie spielen Wahlvorstand oder Wähler, proben alle Fälle, die eintreten können, bis zu denen, wo jemand seinen Stimmzettel zerreißt. Wenn jemand neben sein Kreuzchen "ich liebe Angela Merkel" schreibt, wäre der Stimmzettel ungültig.

EV: Die Jugendlichen wählen auch zum ersten Mal selbst, auch darauf werden sie bei Ihnen vorbereitet ...

Egbering: Wir beschäftigen uns mit aktueller Politik und den Positionen der Parteien – mit dem Grundsatz der Neutralität, die Jugendlichen wählen ihre Schwerpunkte selbst. Dabei gehen wir spielerisch vor, es gibt unterschiedliche Rechercheaufträge. In einer gespielten Talkshow schlüpfen sie in die Rolle von Parteienvertretern, so kommen sie zu den Kernanliegen der Parteien und lernen, sie besser einzuschätzen.

EV: Welche politischen Themen bewegen die Jugendlichen von heute?

Egbering: Was sie umtreibt, ist das Thema Flucht. Viele wollen, dass die Grenzen geöffnet werden und dass sich die Bedingungen verbessern. Andere sagen: Wir müssen vorsichtig sein. Insgesamt zeigt sich: Die Jugendlichen haben eine Meinung zu den Themen. Was in Zeiten von Populismus immer aktueller wird, ist auch die Wahl gegen Parteien und Überzeugungen: Viele Jugendliche wollen verhindern, dass Parteien wie die AfD einen hohen Prozentwert bekommen. Ihnen ist bewusst, dass man sich hinterher nicht beschweren kann, wenn man selbst nicht gewählt hat.

EV: Dennoch scheint es nötig, Jugendliche für politische Wahlen zu begeistern.

Egbering: Einerseits ist die Wahlbeteiligung bei jungen Erwachsenen bis Mitte 30 wesentlich niedriger geworden, andererseits geht der Anteil der Jugendlichen in der Bevölkerung zurück – damit laufen sie Gefahr, unterrepräsentiert zu sein. Bestes Beispiel ist der Brexit: Hier haben sich junge Menschen beschwert, dass eine Entscheidung getroffen wurde, die sie nicht unterstützen, sie selbst haben aber gar nicht gewählt. Unser Wunsch ist es, Barrieren abzubauen und die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Durch die Erfahrung als Erstwahlhelfer sprechen die Jugendlichen in ihrer Clique und der Klasse mehr über Politik und erreichen auch solche, die sich bisher wenig dafür interessiert haben. 

EV: Lange wurde der Jugend Politikverdrossenheit nachgesagt ...

Egbering: Es gibt zwei unterschiedliche Phänomene. Einerseits die rückläufige Wahlbeteiligung, wobei es auch Ausnahmen gibt, bei der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg war sie etwas höher. Andererseits hat die Shell-Jugendstudie nachgewiesen, dass das politische Interesse der Jugendlichen steigt. Das Vertrauen in die Politik, und dass die eigene Stimme einen Wert hat, ist aber eher gering. Dagegen muss man unbedingt etwas tun.

Die Zeit - Elbvertiefung vom 22.08.2017